Warum Technikgläubigkeit und Perfektionsverliebtheit nicht mehr in unsere Zeit passen

Perfektion, das ist wie ein Essen im hochgelobten Sterne-Restaurant. Alles stimmt, alles passt zusammen, jeder ist zufrieden und man wird noch lange davon schwärmen. Doch wie jeder von uns aus eigener Erfahrung weiß: So etwas ist nicht immer möglich (oder erschwinglich). In vielen Fällen ist ein spontaner Besuch in einem soliden Wirtshaus angemessener. So ähnlich verhält es sich auch mit der globalen Güter- und Handelswelt. Manchmal zählen Geschwindigkeit, Flexibilität und situatives Denken mehr als der ganz, ganz große Wurf. Es müssen nicht immer 110 Prozent sein, wozu wir in Deutschland gerne neigen


Was viele High-Tech Anbieter global längst erkannt haben, ist im technischen Mittelstand Deutschlands noch nicht ganz angekommen. Hier gilt allzu oft: Wir bauen die perfekteste Maschine oder Anlage, egal, ob sie jemand wirklich in dieser Form braucht oder ob es nicht auch eine Nummer preiswerter und schlanker ginge. 


„Over-Engineering“ lautet das böse Schlagwort dafür. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es gibt kaum etwas, das mir mehr Respekt einflößt und mich mehr fasziniert als deutsche Ingenieurskunst. Sie war und ist bis heute weltweit unerreicht. Die Frage ist nur: Konstruieren wir etwas, weil wir es KÖNNEN, oder weil der Markt es gerade BRAUCHT? Und will er es vielleicht zu einem niedrigeren Preis und mit weniger Spezialfunktionen? Könnten wir damit nicht sogar den hyper-agilen Asiaten Paroli bieten? Man stelle sich das mal vor: „Made in Germany“ – aber zu Konditionen, die den Markt wirklich aufhorchen lassen.



Kluges Weglassen ist auch eine Kompetenz


Lassen Sie es mich noch provokanter formulieren: Ändert sich wirklich etwas an der Güte von „Made in Germany“, wenn die Kopfstütze im Auto nicht auch noch mit einem eigenen Elektromotor bewegt wird? Wahrscheinlich wäre es dem Autokäufer viel lieber, den Wagen für 500 Euro weniger zu bekommen und doch das Gefühl zu haben, dass die restliche Verarbeitung und Motorisierung spitze ist. Nicht jeder braucht jedes Extra – oder ist bereit, es zu bezahlen. Ganz abgesehen davon führt jede zusätzliche Produkteigenschaft zu mehr Komplexität und damit u.U. zu höheren Life-Cycle-Costs durch eine höhere Fehleranfälligkeit. 

Hier stelle ich mal die gewagte These auf, dass es im Maschinen- und Anlagenbau ganz ähnlich ist. Mit dem Unterschied, dass es weniger Wahl-Sonderausstattungen gibt wie beim Auto, sondern dass diese häufig komplett mit eingebaut sind. Der Stolz über jedes gelungene Detail steht dem Entwickler ins Gesicht geschrieben – dem Vertrieb steht dagegen der Schweiß auf der Stirn wegen der bevorstehenden Preisverhandlung.


Raus aus der Komfortzone 


Das heißt ja nicht, dass wir im Maschinenbau nicht auch die ganz große Lösung anbieten können. Im Gegenteil – sie bleibt unsere Visitenkarte und unser Kompetenzbeweis. Nur sollten wir eben auch eine weniger komplexe Version im Angebot haben: „Engineering light“– quasi. 

Und schon hätten wir eine Vision, wie der technische Mittelstand seine Zukunft sichern kann. Denn bisher ist es doch eher so, dass man sich auf dem Image des Premium-Anbieters ausruht. „Von uns erwartet man die Technologieführerschaft“ oder „Das gehört zu unserer Tradition“ sind häufig benutzte Argumente, um die Komfortzone nicht verlassen zu müssen. Doch Hand aufs Herz: Wissen Sie, wie lange diese Komfortzone noch bestehen wird? Wie lange bleiben Sie noch die Besten? Und seien Sie mal ganz ehrlich: Steht hinter dem ausufernden Perfektionismus immer nur der Glaube an das Machbare, oder manchmal auch die Eitelkeit der Ingenieure und ihrer Vorgesetzten? Nennen Sie mich ketzerisch, aber es wäre nicht das erste Mal, dass mir so etwas in meinem Berufsleben begegnet ...


Fazit: Alles wird gut

Zu gut für diese Welt? So lautete die Ausgangsfrage. Die Antwort lautet: Wir sind eigentlich genau richtig für diese Welt. Wenn wir uns nur ein kleines bisschen anpassungsfähiger zeigen. Wenn wir unsere Qualität auch in der schlanken, bedarfsorientierten Lösung präsentieren und nicht nur im „Schlachtschiff“. Dann wird der Paradigmenwechsel gelingen. Weg vom „Wir können das“ hin zur Kundensicht: „Die machen genau das, was ich brauche.“ Dafür ist dann allerdings umfangreiches Wissen über die wahren Bedürfnisse der Kunden erforderlich. Marktforschung, Kundenbefragungen und Offenheit für neue Methoden in der Produktentwicklung sind hier bewährte Lösungsansätze. Nicht zuletzt gilt es, die Organisation als Ganzes auf ein neues Level zu bringen. Alle Prozesse und Maßnahmen müssen zukünftig noch konsequenter auf Kundenorientierung ausgelegt werden. Klingt anstrengend? Wäre es aber nicht noch anstrengender, einem Wettbewerber hinterherzurennen, der diesen Schritt schon voraus ist.


Wie es auch geht: Praxisbeispiel Somic


Das bayerische Familienunternehmen Somic gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Endverpackungsmaschinen. Der Stolz auf High-End-Ingenieurskunst ist im Unternehmen tief verwurzelt – im Angebot befindet sich etwa der schnellste Deckel-Tray-Packer im Markt. Schon lange steht Somic für Customized Engineering. Die Vielzahl an individuellen Kundenlösungen war die Basis für das heutige Premium Leistungsspektrum von Somic. Premium in Performance und Preis. Dennoch hat sich Geschäftsführer Patrick Bonetsmüller nach ausführlichen Markt- und Kundenanalysen dafür entschieden, 2019 eine neue Verpackungsmaschine für Standardaufgaben einzuführen. Die Somic ReadyPack ist reduziert auf das Wesentliche, sowie schnell und kostengünstig verfügbar. Sie enthält die qualitativ hochwertigen Bauteile der Highend-Maschinen und wird mit dem gleichen Qualitätsanspruch konstruiert und gefertigt. Das große Interesse und die Zahl der Anfragen zeigen, dass Somic die richtige Entscheidung getroffen hat – ohne den Ruf als Premium-Hersteller aufs Spiel zu setzen.

Thomas Schmidt

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